Fraenkelufer Synagoge, heute | Kreuzberg
Im September 1945, kurz nach dem Ende des Zweiten Weltkriegs, versammelten sich über 400 Holocaust-Überlebende und 30 amerikanische Soldaten zu einem Rosch-Haschana-Gottesdienst im Seitenflügel der Fraenkelufer-Synagoge, dem letzten Überrest des ursprünglichen Gebäudes, das größtenteils während der alliierten Bombardierung Nazi-Deutschlands zerstört worden war. Dieser Gottesdienst, ein bedeutsamer Moment der Widerstandskraft, wurde vom Fotografen Robert Capa festgehalten. Einige der Fotografien sind im Kiddusch-Raum der Synagoge ausgestellt und dienen als stumme Zeugen eines Ereignisses, das über die Mauern der Synagoge hinauswirkte.
In den Jahren 1958-59 wurden die Ruinen der Hauptsynagoge geräumt, und der Seitenflügel wurde offiziell restauriert, was zur allmählichen Entstehung einer kleinen Gemeinde führte. Mit dem Beginn des neuen Jahrtausends stand die Synagoge vor einer Herausforderung und hatte Schwierigkeiten, neue Mitglieder zu gewinnen. Doch vor etwa einem Jahrzehnt begann eine zaghafte Wiederbelebung – junge Juden, darunter säkulare Israelis, fanden zunehmend neue Verbindungen zur Synagoge. Dekel Peretz und seine Frau Nina Peretz gehörten zu den führenden Akteuren, die diesen Wandel vorantrieben. Was mit der Organisation kleiner Veranstaltungen für junge Erwachsene begann – und schließlich auch junge Familien einbezog – entwickelte sich bald zu einem reichen und vielfältigen Programm, das kulturelle Bewahrung mit den zeitgenössischen Bedürfnissen der wachsenden jüdischen Gemeinschaften in Kreuzberg verband.
Im Jahr 2016, als die Synagoge ihrem hundertjährigen Bestehen entgegenging, initiierten Dekel Peretz und Nina Peretz – inzwischen die erste weibliche Gabbai’t (Synagogendienerin) der Institution – eine Reihe von Projekten, um die Rolle der Synagoge als bedeutendes jüdisches Gemeindezentrum in Berlin auszubauen. 2015 wurde der Verein ‚Freunde der Synagoge Fraenkelufer e. V.‘ gegründet, gefolgt 2018 vom ‚Jüdischen Zentrum Synagoge Fraenkelufer e.V.‘, das sich der Einrichtung eines jüdischen Gemeinde-, Kultur- und Bildungszentrums widmet. Dieses neue Zentrum, das bis Ende des Jahrzehnts an der Stelle des ursprünglichen Hauptgebäudes der Synagoge entstehen soll, wird Künstlerateliers, einen Galeriebereich, einen Kindergarten, ein Café, ein Lernzentrum, einen Co-Working-Space und eine Kindertagesstätte umfassen. Die ersten Schritte zur Verwirklichung des Zentrums sind bereits getan: 2019 wurde der ‚ERUV Hub‘ gegründet – eine Partnerschaft von mehr als 15 jüdischen Sozialorganisationen, darunter ‚Jewish Moving Pictures e.V.‘, mit denen die Synagoge später Open-Air-Kinoabende und Diskussionen im Synagogengarten organisierte. 2021 entstand aus dem ERUV Hub das ‚LABA Berlin‘, ein Residenzprogramm, das den kreativen Dialog zwischen jüdischen Künstlern und klassischen jüdischen Texten fördert.
Der Schock und das Entsetzen über die extreme Gewalt, die von der Hamas am 7. Oktober 2023 in Israel verübt wurde, haben das jüdische Leben weltweit erschüttert, einschließlich der Gemeinde Fraenkelufer. Am 13. Oktober, nur wenige Tage nach dem Massaker, als die Hamas zu einem „Globalen Tag des Dschihad“ aufrief, organisierten sie eine kleine Versammlung von Israelis und Mitgliedern der Kreuzberger Gemeinschaft, um mit dem deutschen Bundespräsidenten Frank-Walter Steinmeier zusammenzutreffen. Seine Anwesenheit war ein Zeichen der Solidarität und ein Appell an alle Deutschen, gemeinsam für Einheit einzustehen. Den Teilnehmenden gelang es, dem Präsidenten wichtige Botschaften zu übermitteln und die Gesichter der aus Israel nach Gaza entführten Geiseln ins Bewusstsein zu rücken. Die Veranstaltung wurde deutschlandweit ausgestrahlt und erreichte nahezu jeden Haushalt. Später am Abend organisierte die Synagoge eine feierliche Gedenkveranstaltung in ihrem Innenhof. Angesichts von Sicherheitsbedenken und den eindeutigen Aufrufen sowohl des Bundeskanzlers als auch des Bundespräsidenten versammelten sich an diesem Freitagabend Hunderte von Deutschen. Sie standen stundenlang in stiller Solidarität und bildeten einen menschlichen Schutzschild, um das lebenswichtige jüdische Leben in Berlin zu schützen – ein kraftvolles Zeichen der Einheit angesichts der Widrigkeiten.
Die Synagoge hat im vergangenen Jahr keine einzige Veranstaltung abgesagt. Tatsächlich hat die Zahl der Veranstaltungen zugenommen, was die Rolle der Synagoge als Ort des Gebets, der Begegnung, des interkulturellen und interreligiösen Austauschs sowie des Dialogs widerspiegelt. Ein Jahr nach dem Massaker, am 6. Oktober 2024, organisierte die Synagoge eine Gedenkveranstaltung, bei der 101 Kerzen für die Geiseln entzündet wurden, die noch immer in Gaza festgehalten werden, gefolgt von einer Gedenkzeremonie. In einer Zeit, in der zunehmender Antisemitismus und Islamophobie in Deutschland das soziale Vertrauen und die Beziehungen zwischen Juden und Muslimen in der Stadt belasten, sendet die Arbeit der Synagoge – ein Ort der Begegnung für Menschen aller Glaubensrichtungen – eine hoffnungsvolle Botschaft. Sie zeigt das reiche, vielfältige und heterogene jüdische Leben in Berlin, ein Leben, das auf Bündnissen, Solidarität, Offenheit und Toleranz basiert.